Leichtbau Garage #31: Hydrogen Brennstoffzellen und elektrische Antriebe für militärische Luftfahrzeuge: Wenn Effizienzgewinne an den Masseeigenschaften scheitern

Veröffentlicht am

Leichtbaugarage

Warum 2 MW elektrische Antriebsleistung weniger durch „Kettenwirkungsgrad“ als durch Leistungsdichte, BoP-Masse, thermische Integration und Schwerpunktlage entschieden werden


Technische Einführung

Militärische Luftfahrzeuge operieren unter einem anderen Zwangsdreieck als zivile Flugzeuge: Neben Reichweite und Betriebskosten sind vor allem Missionsausdauer, Signatur (akustisch und IR), verfügbare elektrische Leistung für Sensorik/Kommunikation sowie robuste Redundanz entscheidend. Dadurch erscheint Wasserstoff in Kombination mit Brennstoffzellen und elektrischen Antrieben auf dem Papier attraktiv: hohe spezifische Energie des Energieträgers, potenziell hohe Systemeffizienz und die Möglichkeit zur geometrischen Verteilung von Propulsoren.

In der Praxis wird die Machbarkeit jedoch selten durch die „Energiekette“ selbst limitiert. Entscheidend sind die Konsequenzen für Masse und Integration: Stack-Leistungsdichte, Balance-of-Plant-(BoP)-Masse, Wärmeabfuhr, Verkabelung und Schutzarchitektur, strukturelle Verstärkungen – und vor allem Weight & Balance (Schwerpunktlage, Schwerpunktwanderung und Massenträgheitsmomente). Mit Einführung verteilter Antriebssysteme verschiebt sich die zentrale Frage von „Wie effizient?“ zu „Wie integrierbar, beherrschbar und zulassbar ist die Massenverteilung über alle Konfigurationen und Missionsphasen?“


Technologieeinordnung

Öffentliche Demonstratoren und Auslegungsstudien zeigen zwei konsistente Trends:

  1. Mehr-Megawatt-Brennstoffzellensysteme bewegen sich vom Labormaßstab hin zu anwendungsrelevanten Demonstrationsniveaus. Airbus berichtete über einen erfolgreichen „Power-on“ eines 1,2-MW-Brennstoffzellen-Demonstrators (inklusive Elektromotoren und Kühlung) als Schritt in Richtung wasserstoffbasierter Antriebsarchitekturen.
  2. NASA-Arbeiten im Umfeld von CH2ARGE betonen systematische Auslegung und Trade-Studien für wasserstoffelektrische Flugzeuge und heben explizit hervor, dass neben Stack und Tank insbesondere fluidische, kryogene und thermische Managementsysteme die Machbarkeit und Massenbilanz maßgeblich bestimmen.

Beide Quellen führen zur gleichen ingenieurtechnischen Schlussfolgerung: Die Hürde ist nicht die grundsätzliche Funktionalität – sondern die Skalierung auf luftfahrtrelevante Leistungsdichten bei beherrschbaren Integrations- und Masseeigenschaften.


Ingenieurtechnische Interpretation

Auf Systemebene bildet die Architektur „LH2 → Brennstoffzelle → DC-Bus → Inverter → Motor → Propulsor“ nur die erste Schicht. Für militärische Anwendungen dominiert eine zweite Schicht: Variabilität der Nutzlast und Redundanzverhalten.

• Redundanz profitiert von verteilten elektrischen Propulsoren (N-1 / N-2 Degradation), erhöht jedoch Kabelmassen, Schutzhardware und strukturelle Aufwände und stellt höhere Anforderungen an Rotordynamik und Spaltkontrolle.
• Missionsvariabilität (Sensorpods, Kommunikationssysteme, Außenlasten, modulare Kits) beeinflusst nicht nur die Gesamtmasse, sondern vor allem deren Verteilung – mit direktem Einfluss auf Schwerpunkt und Trägheitsmomente, oft kritischer als die absolute Masse selbst.

Deshalb wird Leichtbau untrennbar mit Weight Management und Masseneigenschaften: Massenbudgets, Schwerpunktbudgets und Trägheitsbudgets müssen frühzeitig top-down definiert und bottom-up abgesichert werden. Andernfalls entstehen lokale Optimierungen, die erst spät zu einem schwereren, instabileren oder außerhalb der CG-Grenzen liegenden Gesamtsystem führen.


Leichtbauanalyse

1. Systemeffekte

  • Stack-Leistungsdichte plus BoP bleiben die dominierenden Stellgrößen. Im Bereich von 2 MW skalieren Luftversorgung (Kompressor), Wasser- und Thermomanagement, Sensorik, Redundanz und Regelung nicht „leise“ – sie können die Masse dominieren und architekturbestimmend wirken. NASA-Studien unterstreichen die Bedeutung dieser Subsysteme.
  • Kopplung sekundärer Leistungsbedarfe: Größere Wärmetauscherflächen erzeugen Druckverluste; höherer Stackdruck erhöht den Kompressorbedarf; höhere elektrische Spitzenleistungen treiben Inverter-, Kabel- und Schutzdimensionierung. Es entsteht ein klassischer Systemkreis, in dem Masse und Effizienz nichtlinear gekoppelt sind.

2. Strukturelle Implikationen

  • LH2-Integration ist eine strukturelle Entscheidung, nicht nur eine Tankfrage: Tankposition, Crashzonen, Entlüftungspfade und Wartbarkeit beeinflussen Lastpfade und Verstärkungen.
  • Verteilte Antriebe verändern Lasten: Außenliegende Propulsoren erhöhen Biege- und Torsionsanforderungen und treiben Steifigkeit sowie Strukturmasse – oft stärker als die reine Motormasse vermuten lässt.
  • Bei Rim-Fan-/Perimeterlager-Konzepten sind Spaltkontrolle, Steifigkeit und Rotordynamik die primären Treiber. Konservative Auslegung führt schnell zu zusätzlicher Strukturmasse, wenn nicht frühzeitig mit FEM-basierter Konzeptauslegung gegengesteuert wird.

3. Materialimplikationen

  • Materialleichtbau bedeutet hier weniger „High-End-Materialien“ als funktionsgerechte Werkstoffe und Verbindungen über Temperatur- und Sicherheitszonen hinweg: Kryokompatibilität, Isolation, Brandschutz sowie HV-Isolation und EMV-Anforderungen.
  • Topologie-/Topographieoptimierung ist nur sinnvoll, wenn Integrationsrandbedingungen (Inspektion, Leitungsführung, Abschirmung, Fertigung) berücksichtigt werden – sonst entstehen Sekundärmassen durch Halterungen, Schutz und Montage.

4. Sekundäre Masseneffekte

Wasserstoffelektrische Architekturen werden häufig durch Sekundärmassen dominiert:
• Thermische Kreisläufe (Pumpen, Wärmetauscher, Verteiler, Reserven)
• Luftversorgung/Kompressor sowie Filtration und Schalldämpfung
• HV-Schalt- und Schutztechnik, EMV-Abschirmung
• Sicherheitsinfrastruktur (Detektion, Entlüftung, Isolation, Brandschutz)
• Wartungszugang und strukturelle Verstärkungen durch Packaging

NASA-Studien betonen die zentrale Rolle dieser Integrationssysteme.


5. Weight & Balance Betrachtung

Für militärische Luftfahrzeuge ist Weight & Balance kein Dokumentationsthema, sondern ein architekturbestimmender Faktor:

• Schwerpunktlage und -wanderung: LH2-Tanks und modulare Nutzlasten erzeugen andere CG-Verläufe als Kerosintanks. Ohne früh definierte CG-Budgets entstehen Ballastlösungen oder strukturelle Gegenmaßnahmen – beides zerstört Leichtbaupotenziale.
• Massenträgheitsmomente: Verteilte Propulsoren und außenliegende Systeme erhöhen Roll- und Gierträgheit, was Flugverhalten, Regelung und Fehlerfälle beeinflusst und zu Nachdimensionierung von Leitwerken und Strukturen führen kann.
• Lokale vs. systemische Einsparungen: Ein leichterer Motor ist kein Gewinn, wenn er längere Kabel, mehr Schutzhardware oder ungünstigere CG-Lagen erzwingt. Systemleichtbau bedeutet, Masse dort zu reduzieren, wo sie die Masseneigenschaften verbessert.


Risiken & Entscheidungsrelevanz

Drei Risiken dominieren frühe Go/No-Go-Entscheidungen:

  1. Leistungsdichterisiko (Stack + BoP): Werden Zielwerte verfehlt, resultieren direkte Auswirkungen auf Mission und Nutzlast.
  2. Thermisch-kryogene Integrationsrisiken: Kühlung und Isolation sind Kernfunktionen – Defizite führen zu Kaskadeneffekten (Derating, Redundanz, Massenzuwachs).
  3. Masseneigenschaften: Späte CG-/Trägheitsprobleme führen zu Ballast, Umverlegung und Verstärkungen – klassische kosten- und zeitintensive Überraschungen.

Praktische Schlussfolgerung für Entwicklungsprojekte

Für wasserstoffelektrische militärische Konzepte sind folgende Schritte entscheidend:

  • Frühe Top-down-Zieldefinition: Gesamtmasse, CG-Hüllkurve, Trägheitsbudgets, Spitzenleistung, thermische Limits
  • Parallele Systemauslegung zur CAD-Entwicklung: inklusive BoP, Thermalsystem und Verkabelung von Beginn an
  • Früher FEM-Einsatz für Architekturentscheidungen: Propulsorposition, Tankintegration und Lastpfade
  • Explizite Budgetierung sekundärer Massen: Thermik, Schutz/EMV, Entlüftung, Wartbarkeit

Quellen

  • Airbus: „First ZEROe engine fuel cell successfully powers on“ (1,2-MW-Demonstrator)
  • NASA NTRS: Hanlon et al., Auslegung und Trade-Space wasserstoffelektrischer Flugzeuge (CH2ARGE-nahe Methodik; Fokus auf kryogene/thermische/fluidische Integration)
  • TGM: „Controlling the mass properties of aircraft and spacecraft“

Für weitere Informationen kontaktieren Sie uns bitte hier: TGM Kontakt