Technische Einführung
Die Dekarbonisierung der Schifffahrt steht vor einem grundlegenden Systemkonflikt: Die Reichweite und Verfügbarkeit fossiler Energieträger treffen auf zunehmend strengere Emissionsanforderungen. Batterieelektrische Lösungen scheitern bei Hochseeschiffen in der Regel an Volumen-, Massen- und Ladezeitgrenzen. Wasserstoffbasierte Systeme erscheinen daher attraktiv – vorausgesetzt, das Gesamtsystem aus Speicherung, Konditionierung, Brennstoffzelle, Kühlung, Leistungselektronik und Sicherheitskonzept lässt sich sinnvoll integrieren.

In der Praxis ist jedoch nicht der Stack allein entscheidend. Maßgeblich sind die Auswirkungen auf Gewicht, Einbauraum, Schwerpunktlage, Trimm, Wartbarkeit, Zugänglichkeit und Redundanzarchitektur. Genau hier wird ein „Rekord-Stack“ technisch relevant – oder im ungünstigsten Fall zu einer isolierten Technologiedemonstration ohne systemische Anschlussfähigkeit.
Technologieeinordnung

Das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) berichtet über den nach eigenen Angaben weltweit größten PEM-Brennstoffzellenstack für maritime Anwendungen, der erfolgreich in Ulm getestet wurde. Der Ansatz: Statt vieler kleiner Automotive-Stacks (typisch <200 kW) wird die Leistung über eine deutlich größere aktive Zellfläche skaliert. Genannt werden >1.300 cm² aktive Fläche pro Zelle (Automotive typischerweise 300–500 cm²). Damit erreicht ein einzelner Stack etwa die 500-kW-Klasse und soll die Systemkomplexität reduzieren (Verschaltung, Kühlkreisläufe, Verkabelung, Wartung).
Ein weiterer technischer Aspekt ist die Wahl des Bipolarplattenmaterials: Für großformatige Platten setzt ZSW auf graphitbasierte Bipolarplatten mit dem Argument, dass Edelstahl bei großen Formaten schwer plan und maßhaltig herstellbar ist; Graphit bleibt formstabil, ist jedoch tendenziell dicker und schwerer.
Ingenieurtechnische Interpretation
Aus Systemsicht adressiert ZSW einen klassischen Integrationshebel: Reduktion von Komplexität durch Verringerung paralleler Leistungspfade. In maritimen Antriebs- oder Bordenergiesystemen bedeutet jeder zusätzliche Stack typischerweise:
• zusätzliche Medienanschlüsse (H₂, Luft/O₂, Kühlmittel),
• zusätzliche Sensorik und Sicherheitsketten,
• zusätzliche DC-Leistungspfade, Schütze und Kabelwege,
• zusätzliche Wartungsschnittstellen und Ersatzteilvarianten.
Ein 500-kW-Stack verschiebt die Architekturentscheidung: Weniger Stacks liefern die gleiche Leistung. Das ist grundsätzlich vorteilhaft für Zuverlässigkeit, Verkabelung, Packaging und Kosten. Gleichzeitig bringt die Skalierung über größere Zellflächen neue Randbedingungen: Dichtungskonzepte, Ebenheitstoleranzen, gleichmäßige Gasverteilung über große Flächen, lokale Hotspots sowie mechanische Spannungen im Stackaufbau.
Der „Rekord“ ist damit weniger Selbstzweck, sondern ein Schritt zur Verschiebung der technischen Skalierungsgrenze (Fläche, Material, Fertigung) in einen industriell relevanten Bereich.
Leichtbauanalyse
1. Systemeffekte
Lokale Masse vs. Systemmasse:
Der Wechsel von Edelstahl zu Graphit kann die Stackmasse pro kW erhöhen, während die Gesamtanlage dennoch leichter wird, da weniger periphere Systeme benötigt werden. Der wesentliche Hebel liegt im Systemgleichgewicht:
• Anzahl Stacks ↓ → Peripherie (Rohrleitungen, Ventile, Kabel, Halterungen) ↓
• Anzahl Kühlkreisläufe ↓ → Anforderungen an Pumpen/Wärmetauscher potenziell ↓
• Wartungs- und Isolationsaufwand ↓ → kompaktere Gehäuse und Zugänge möglich
Der zentrale Leichtbauhebel liegt damit häufig nicht im Stack selbst, sondern in der Reduktion des Balance of Plant (BoP).
2. Strukturelle Implikationen
Ein großformatiger Stack ist ein massiver, steifer Block mit klar definierten Schnittstellen. Daraus ergeben sich:
• Fundamentierung und Schwingungsverhalten: Strukturen im Maschinenraum müssen statische und dynamische Lasten aufnehmen
• Betriebs- und Stoßlasten: Seegangsbelastungen führen zu multiphysikalischen Kopplungen (Struktur + Medien + Elektrik)
• Wartungszugang: Große Module erfordern größere Demontagepfade und Wartungsräume – mit potenziellen Strukturverstärkungen
Frühe CAD-Packaging-Studien kombiniert mit FEM-Analysen sind hier entscheidend.
3. Materialimplikationen
Die Wahl Graphit vs. Edelstahl betrifft mehr als nur Masse:
• Korrosionsbeständigkeit und Medienverträglichkeit (maritime Umgebung)
• Kontaktwiderstand/Leitfähigkeit und Alterungsverhalten
• Fertigungstoleranzen und Dichtkonzepte bei großen Flächen
Das ZSW-Argument für Graphit basiert primär auf Planarität und Formstabilität bei großen Formaten.
Dies verdeutlicht einen typischen Leichtbaukonflikt: Ein schwereres Subsystem kann Voraussetzung für eine robuste und fertigungssichere Gesamtlösung sein.
4. Sekundäre Masseneffekte
Sekundärmassen dominieren häufig das Gesamtgewicht von Brennstoffzellensystemen:
• Kühlung (Wärmetauscherflächen, Pumpen, Rohrleitungen)
• Gehäuse-, Brand- und Explosionsschutz
• Leistungselektronik, EMV-Abschirmung, DC-Schalttechnik
• Gaskonditionierung und Sicherheitsventile
Wenn größere Stacks die Anzahl dieser Komponenten reduzieren, entsteht echter Systemleichtbau – selbst bei höherer Einzelkomponentenmasse.
5. Weight & Balance Betrachtung
Im maritimen Kontext entspricht Weight & Balance der Trimm- und Stabilitätsbetrachtung:
• Vertikale und longitudinale Massenverteilung beeinflussen Trimmwinkel, metazentrische Höhe und Bewegungsverhalten
• Der Wechsel von „vielen kleinen“ zu „wenigen großen“ Einheiten führt zu stärker konzentrierten Massen
• Schwerpunktverschiebungen können durch Gehäuse, Luftführung oder Einbaupositionen entstehen
• Redundanzkonzepte verändern sich grundlegend

Daher sind frühe Zieldefinitionen (Systemmasse, Einbauorte, zulässige Trimmfenster) sowie kontinuierliches Massentracking essenziell.
Risiken & Entscheidungsrelevanz
Drei zentrale Risiken bestimmen die Bewertung:
- Skalierungsrisiko: Große aktive Flächen erhöhen Anforderungen an Gasverteilung, Thermomanagement und Dichtheit
- Integrationsrisiko: Weniger Komplexität, aber höhere Anforderungen an Handling, Austausch und Strukturintegration
- Systemrisiko: Wasserstoffspeicherung und Sicherheitsarchitektur dominieren weiterhin Volumen und Masse
Der „Rekord-Stack“ ist somit ein wichtiger technologischer Schritt – aber keine Plug-and-Play-Lösung für maritime Dekarbonisierung.
Praktische Schlussfolgerung für Entwicklungsprojekte
- Nicht kW pro Stack optimieren, sondern kW pro Systemkomplexität
- Sekundärmassen explizit modellieren (Thermik, Gehäuse, Verkabelung, Medien)
- Packaging-, Wartungs- und Austauschkonzepte früh im CAD festlegen
- Masse- sowie CG-/Trimmkontrolle früh etablieren und iterativ fortführen
Für weitere Informationen kontaktieren Sie uns bitte hier: TGM Kontakt
Quellen
• Ingenieur.de: „Wasserstoff-Antrieb aus Ulm: Dieser Brennstoffzellen-Stack für Schiffe ist der größte der Welt“ (02.04.2026)
• ZSW: „Wasserstoff-Power für die maritime Energiewende